Dass der Frieden in Europa ein hohes Gut ist, wurde einem spätestens beim Überfall Russlands auf die Ukraine schmerzlich bewusst. Wie risikobehaftet sich der Frieden im Baltikum anfühlt und mit welcher Sensibilität hier über das Thema gedacht und gesprochen wird, konnten 68 Sänger:innen und 18 Begleitpersonen des Madrigalchor bei St. Anna Augsburg auf ihrer fünftägigen Konzertreise nach Riga erleben. Maßgeblich gefördert und unterstützt wurde die Reise vom Goethe-Institut, von der Stiftung Deutsches Albert-Schweitzer-Zentrum sowie vom Bayerischen Musikrat.
Austausch und Begegnung
Im Zentrum der Reise am Ende der Pfingstferien, kurz vor den lettischen Mittsommerfeierlichkeiten standen Austausch und Begegnung. So fand bereits am zweiten Abend gemeinsam mit dem Universitätschor AURA aus Riga ein Begegnungskonzert in St. Petri, der nach dem Dom größten Kirche Lettlands, statt. Je einen Teil des Programmes gestalteten die Chöre allein, den bewegenden Abschluss mit 120 Stimmen bildeten vier gemeinsame Stücke, zwei deutsche Abendlieder und zwei lettische Volkslieder unter Leitung von Johannes Eppelein und Edgars Vitols aus Riga. Das musikalische Miteinander gelang ab dem ersten Ton frappierend problemlos, was einmal mehr bewies, dass Musik alle Grenzen zwischen Menschen überwindet und zu einem friedlichen Miteinander beiträgt.
Beieindruckendes Niveau von AURA
Das annähernd professionelle stimmliche und musikalische Niveau von AURA, dem Rigaer Universitätschor, war beeindruckend und ein eindrückliches Indiz dafür, wie tief verwurzelt das Singen in Lettland ist und welch große Relevanz es für die gesellschaftliche Identität des Landes hat. Die Möglichkeit des persönlichen Austauschs nach dem Konzert nahmen die Sänger:innen beider Chöre gerne an. Dabei drehten sich die Gespräche mit den lettischen Studierenden häufig um deren Alltagseindrücke und Wahrnehmung der politischen Lage in Europa direkt an der Grenze zu Russland sowie deren persönliche Zukunftsaussichten, die bezeichnenderweise die wenigsten in ihrem Heimatland sehen.
"Ich bin unter einer Kuh aufgewachsen"
Eine zweite musikalische Begegnung fand in Form eines Vortrags des Komponisten Rihards Dubra statt. Äußerst anschaulich und humorvoll, dabei aber zutiefst bescheiden erzählte er von seinem musikalischen Werdegang, seinen kompositorischen Vorbildern und seinem Schaffen in den letzten Jahrzehnten – von Chor- und Kammermusik bis hin zu Sinfonik und Opern. Noch kurz vor der Wende war er als junger Komponist von Mitte 20 den politischen Schikanen des Sowjetregimes bis hin zu einer mehrjährigen Lagerhaftstrafe unterworfen. Als unschätzbares Privileg empfindet er daher die physische und geistige Freiheit, in der wir heute in weiten Teilen Europas leben und arbeiten dürfen. Seine aufschlussreichen Erläuterungen zu seiner Motette „Herr, bleib bei uns“, die Teil des Konzertrepertoires war, intensivierten das Musiziererlebnis im abendlichen Konzert im Saal des Lettischen Staatschores wesentlich.
Tradition, Kultur und Brauchtum
Neben den musikalischen Höhepunkten blieb auf der Reise auch genügend Zeit, Riga und Umgebung kennenzulernen und die langen Tage rund um die Sommersonnwende mit dem traditionsreichen „Līgo-Fest“ (Johannisfest) zu genießen. Die Vorbereitungen dazu waren mit einer bunten Vielfalt aus Märkten, Brauchtumsvorführungen und Konzerten bereits in vollem Gange.
Gottesdienst vor Heimflug
Den Abschluss der Reise bildete ein Gottesdienst in St. Petri mit der Deutsch-Lutherischen Gemeinde, bei dem der Madrigalchor die musikalische Gestaltung übernehmen durfte. Nach dem gemeinsamen Kirchenkaffee standen dann die Busse bereit und der Chor machte sich auf die Heimreise – um viele Eindrücke reicher und mit der Erinnerung an fünf sehr schöne, interessante und intensive Tage mit vielen authentisch-offenen und wertschätzenden Begegnung mit unseren lettischen Miteuropäer:innen. Die Agenda der Reise – samt Stadtführung und Museumsbesuchen – verdichtete das gegenseitige Verstehen von Geschichte, Tradition, Politik und Kultur in einem Maße, das wohl kaum einer im Voraus für möglich gehalten hätte.
Noch mehr Eindrücke von der bewegenden Reise finden Sie in der Bildergalerie von Timo Harsch: